Entscheidet Corona über Auf- und Abstieg?

Teamquarantäne in der Bundesliga


In der Bundesliga ist eingetroffen, was die DFL seit einem Jahr verhindern wollte – und was die zweite Liga schon betrifft. Teams wie Hertha müssen in Quarantäne. Jetzt droht eine Terminhatz mit drastischen Folgen.

Herthas Trainer Pál Dárdai ist unter den vier Corona-Infizierten des Hauptstadtklubs

Foto: TOBIAS SCHWARZ / AFP


Als Arne Friedrich am Freitagmittag die Maßnahmen des Krisenstabs nach dem Corona-Ausbruch bei Hertha BSC erläuterte, konnte man als Teilnehmer der digitalen Medienrunde einen Blick in sein Wohnzimmer werfen. Neben dem Sportdirektor hing ein Poster an der Wand. Es zeigte den Schauspieler James Dean. Und es war schwer in diesem Moment, die Bilder von Friedrich und Dean nicht in gewisser Weise zusammenzudenken.


Denn Arne Friedrich muss in dieser seltsamen Saison für die Berliner in viele Rollen schlüpfen. Und jetzt wartet wahrscheinlich die schwerste auf ihn.


Herthas Sportdirektor Arne Friedrich (l.) und Trainer Pál Dárdai: »Es nützt nichts«

Foto: O.Behrendt / imago images/Contrast


Der 41-Jährige war im vergangenen Jahr als Performance Manager eingestellt worden, dann wurde er zum Sportdirektor befördert und übernahm im Januar auch noch die Arbeit des entlassenen Geschäftsführers Sport, Michael Preetz.

Am Donnerstag nun musste Friedrich sogar als Trainer einspringen. Der eigentliche Coach, Pál Dárdai, gehörte zu den vier Personen (zwei Trainer und zwei Spieler), die sich beim Hauptstadtklub neu mit Corona infiziert hatten. Und weil das Gesundheitsamt Charlottenburg/Wilmersdorf in Berlin dem Team eine 14-tägige Quarantäne verordnet hat, muss Friedrich nun Rettungsmaßnahmen organisieren, damit Hertha, aktuell auf Tabellenplatz 15, nach der Isolation unter extrem erschwerten Bedingungen noch im Abstiegskampf bestehen kann.


»Das ist ein gehöriger Rückschlag, aber wir werden nicht lamentieren und die Situation annehmen«, sagte der ehemalige Nationalverteidiger. Ergometer und Laufbänder wurden an die Spieler versandt, spezielle Trainingspläne erstellt, um so wenig wie möglich an Fitness zu verlieren. Zudem will Hertha digitale Treffen organisieren, um den Zusammenhalt, der bei Hertha erst noch ein zartes Pflänzchen ist, nicht zu gefährden.

»Wir hadern nicht, wir kämpfen, um unser Mindestsaisonziel zu erreichen«, sagte Herthas CEO, Carsten Schmidt. »Ich spüre einen Spirit: Jetzt erst recht.« Womöglich war hier aber auch ein bisschen Zuversicht geschauspielert. Denn Hertha und mithin die ganze Liga befindet sich durch die Vorgänge von Berlin in einer schwierigen Lage.


Mitten in der Schlussphase der Saison, in den Wochen, in denen die Entscheidungen über Meisterschaft, europäische Plätze und den Abstieg fallen, muss ein Erstligist aus dem aktuellen Spielbetrieb herausgenommen werden. Eine 14-tägige Quarantäne hatte es in der ersten deutschen Liga trotz anderer Coronafälle noch nie gegeben.


Die Deutsche Fußball Liga (DFL), die Interessensvertretung der 36 Erst- und Zweitligaklubs, die für den Spielkalender zuständig ist, hat die drei kommenden Hertha-Spiele gegen Mainz, Freiburg und Schalke abgesetzt. Neue Termine sollen in der nächsten Woche bekannt gegeben werden. Friedrich deutete am Freitag an, dass es bereits einen ersten Vorschlag der DFL gebe, Hertha aber einen »Gegenvorschlag« gemacht habe. Es wird noch verhandelt, denn die Sache könnte für die Berliner sehr von Nachteil sein.

Sechs Spieltage stehen noch aus – und Hertha droht, was schon Holstein Kiel, Sandhausen und Karlsruhe in der 2. Bundesliga erwartet: ein Schlussprogramm in sehr kurzer Zeit. Am Ende könnte die Pandemie so einen erheblichen Einfluss auf den Ausgang des Abstiegs- und Aufstiegsrennen nehmen. Durch die EM ist kein zeitlicher Puffer vorhanden Die Kieler sind bereits zum zweiten Mal in Isolation. Wenn das Team am Dienstag aus der Quarantäne zurückkehrt, warten vier Nachholspiele und das DFB-Pokal-Halbfinale. Der Tabellenvierte der 2. Bundesliga war dabei, womöglich die beste Saison der Vereinsgeschichte zu spielen, doch nun muss Kiel neun Partien innerhalb von fünf Wochen absolvieren: Jede Woche wird für die Kieler eine englische, während die Konkurrenz eine bessere Vorbereitung und Regeneration hat.


Von einem fairen, integren Wettbewerb kann man unter diesen Umständen kaum sprechen.

Kieler Spieler befinden sich bereits in der zweiten Quarantäne innerhalb von kurzer Zeit Foto: Christian Kaspar-Bartke / Getty Images


Schon in der Vorsaison kam es zu einer solchen Situation in der zweiten Liga, als Dynamo Dresden durch eine Teamquarantäne in ähnliche Terminnot gebracht wurde. Dynamo musste dadurch Spiele im Drei-Tages-Rhythmus absolvieren und stieg am Ende ab. In diesem Jahr aber ist die Situation noch einmal komplizierter für die DFL: Wegen der EM im Sommer (ab dem 11. Juni) bleibt nach hinten heraus im Unterschied zur Vorsaison, als bis in den Juni hinein gespielt wurde, kaum zeitlicher Puffer. Der Terminplan ist ohnehin schon eng genug. Die Nachholspiele von Hertha, Kiel und Co. wird die DFL noch unterkriegen, aber allzu viele Corona-Ausbrüche mehr darf es nicht geben.

Stammkeeper Jarstein musste wegen Corona ins Krankenhaus Die Saison soll möglichst wie geplant am 22. Mai enden, das hat DFL-Chef Christian Seifert der »Bild«-Zeitung gesagt. Für Hertha würde das bedeuten, dass die ausstehenden sechs Partien in den 23 Tagen nach der Rückkehr aus der Quarantäne am 30. April gespielt werden müssten: alle drei, vier Tage ein Spiel.

Ob er juristisch dagegen vorgehen werde, sollte Hertha unten diesen Umständen absteigen, wurde der Berliner CEO Schmidt gefragt: »Wir haben uns damit zu diesem Zeitpunkt noch nicht beschäftigt. Sollte dies irgendwann notwendig sein, werden wir damit sachgemäß umgehen«, sagte er. Hertha will sich nicht als Opfer darstellen, aber am Ende könnte der Klub dennoch Opfer der Umstände werden.


Vor den aktuellen Coronafällen hatte sich bei Hertha bereits Stammkeeper Rune Jarstein auf einer Länderspielreise infiziert. Friedrich berichtete am Freitag davon, dass beim Norweger die britische Mutation des Virus nachgewiesen wurde. Er soll schwere Symptome gehabt haben und musste zwischenzeitlich im Krankenhaus behandelt werden. Im Abstiegskampf noch einmal eingreifen wird der 36-Jährige nicht.

Dass Jarstein die anderen Teamkollegen und Trainer Dárdai angesteckt haben könnte, glauben sie bei Hertha nicht. Der Keeper habe nach seiner Rückkehr nur individuell trainiert und sich in einer getrennten Kabine umgezogen, hieß es am Freitag, bevor er dann nach einem positiven Test sofort in Quarantäne ging.

»Quarantäne-Trainingslager« werden wohl kommen

Um Corona-Ausbrüche wie in Berlin, Kiel und Karlsruhe zu verhindern und den Spielplan nicht zu gefährden, wurde vor anderthalb Wochen in einer Präsidiumssitzung der DFL darüber abgestimmt, ob sich die Teams in der Schlussphase der Saison in ein sogenanntes »Quarantäne-Trainingslager« begeben müssen. Nur Mannschaft, Trainerstab und Betreuer in einem Hotel, um Außenkontakte auf null zu reduzieren und auch den Risikofaktor Familie auszuklammern. Bis auf eine Gegenstimme wurde dies im DFL-Präsidium abgelehnt. Man folgte damals auch der Empfehlung der medizinischen Taskforce. Zwar hätte die Maßnahme den Fall von Berlin nicht verhindert, da das »Quarantäne-Trainingslager« erst am Donnerstag gestartet wäre, aber nach SPIEGEL-Informationen gibt es nun Diskussionen innerhalb der DFL, das Konzept für die Schlussphase der Spielzeit anzuwenden. Tendenz: So wird es kommen. »Es wird alles dafür getan, dass der Spielbetrieb durchgezogen wird und dass die sportlichen Entscheidungen auf dem grünen Rasen und nicht am Grünen Tisch fallen«, sagt ein DFL-Insider dem SPIEGEL. Wahrscheinlich werden sich alle Erst- und Zweitligisten vor den letzten zwei, drei Spieltagen in ein »Quarantäne-Trainingslager« begeben müssen.

Sechs Spiele in 23 Tagen Wenn Corona den Ausgang des Abstiegskampfs in der ersten Liga und den des Aufstiegskampfs in der zweiten Liga beeinflusst, so kann es auch dazu kommen, dass sich die betroffenen Teams in Entscheidungsspielen treffen werden: Hertha auf der einen Seite, Kiel und Karlsruhe auf der anderen Seite sind Teams, die nach gegenwärtigem Stand auch in der Bundesliga-Relegation (26./29. Mai) aufeinandertreffen können. Ob der Zeitplan angesichts der Terminhatz eingehalten werden kann, ist derzeit unklar. Bisher galt auch als Mantra, dass aus Gründen der Wettbewerbsgleichheit die letzten beiden Spieltage der Saison komplett zeitgleich ausgetragen werden müssen. Ob das unter diesen Umständen noch haltbar ist, kann man sich derzeit kaum vorstellen.


Wenn Hertha den Spielbetrieb wieder aufnimmt, hat die Konkurrenz wahrscheinlich gepunktet – und die Berliner bis dahin auf einen Abstiegsrang rutschen lassen. Das erhöht den Druck, auch das kann auf der Zielgeraden den Ausschlag über Klassenerhalt oder Abstieg geben. Dazu kommen rein sportliche Nachteile: Neben der fehlenden gemeinsamen Trainingszeit steigt das Verletzungsrisiko, wenn die Teams aus der Quarantäne kommend sofort in kurzer Abfolge Spiele bestreiten müssen. »Wir können jetzt sagen, dass uns die 14 Tage fehlen werden. Dass wir weniger Regenerationszeit haben werden. Aber das nützt nichts. Wir werden bestmöglich damit umgehen und diese extreme Herausforderung annehmen«, sagte Friedrich.


Am Donnerstag, als der Sportdirektor den »Übergangstrainer für einen Tag« geben musste, soll Arne Friedrich zu seiner Mannschaft gesagt haben: »Wenn wir aus dieser Nummer rauskommen, können wir uns ein Denkmal setzen.«

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